Kurzfilmrezeption

Kurzfilme sind populär. Werbefilme, Musikclips, Do-it-Yourself Anleitungen, Informationsvideos selbst von öffentlichen Stellen – kurze Viedobeiträge sind allgegenwärtig. Im Zuge der technischen Entwicklung und kombiniert mit dem Ausbau der Netze lassen sich solche Inhalte fast immer und fast überall konsumieren.

Der Erfolg von YouTube ist dafür das beste Beispiel: das 2005 gegründete und 2006 an Google verkaufte Unternehmen kann Ende 2019 ganze 2 Milliarden aktive Nutzer monatlich vorweisen. In Deutschland wird 2018 dieser Kanal von 64 Prozent der Bevölkerung zumindest selten genutzt.

Für Unternehmen bieten sich ebenfalls neue Wege, um sich selbst oder die Produkte zu präsentieren. So kann man neben den Informationsvideos auf der Webesite auch im Social Media mit kurzen Clips einen Blick hinter die Kulissen erlauben. Das stärkt die Kundenbindung. Zudem sollen mit Beiträgen aus den fiktional gestalteten Genre wie Werbefilm oder Imageclip Emotionen geweckt werden.

Um sowohl Botschaft als auch Emotion über fiktional gestaltete Clips zu transportieren, wird durchaus großer Aufwand betrieben – finanziell, logistisch und erzählerisch. Man denke hier nur an die besondern Weihnachtsvideos diverser Marken und Unternehmen oder auch Clips, die über Social Media geradezu ‚viral gehen‘.

Ob und in welchem Umfang die mit dem Video beabsichtigte Botschaft und Emotion auch wirklich erreicht wird, ist nicht nur vom Kanal, der Zielgruppengenauigkeit oder der Sendehäufigkeit abhängig, sondern auch vom Rezipienten selbst. Denn dieser ist nicht der willenlose Empfänger meiner Botschaft die wie beim ‚Nürnberger Trichter‘ einfach eingeflöst wird. Vielmehr ist der Zuschauer Teil der Rezeption. Er nimmt Enfluss auf das, was er beim Zuschauen erlebt oder welche Botschaft er rekonstruiert.

Die Wahrnehmung der Szenen kann vom Zuschauer beeinflusst werden

Vergleicht man die tatsächliche Reihenfolge und den Inhalt aus dem Video mit dem, was ein Zuschauer wiedergeben kann, dann bemerkt man schnell Abweichungen. So greift der Zuschauer unbewusst, aber aktiv, bereits bei der Wahrnehmung in die Inhaltsebene des Kurzfilms ein. Im Rahmen meiner eigenen Forschung konnte ich hier fünf Taktiken feststellen:

  1. Wahrnehmung und Interpretation stimmen mit der tatsächlichen Chronologie des Clips überein.
  2. Bereiche des Videos bzw. einzelne Szenen werden ausgeblendet, um die eigene Interpretation so zu ermöglichen.
  3. Das Ende des Videos wird vom Zuschauer ausgeblendet.
  4. Die Reihenfolge der Szenen wird bei der Zusammenfassung und Interpretation umgestellt.
  5. Der Videoinhalt selbst wird überhaupt nicht beachtet, sondern mit der Interpretation, die bereits aus anderem Medien oder dem Diskurs zu diesem Video bekannt ist, ersetzt.

Gute Planung und Betreuung auch nach der Veröffentlichung

Die Tendenz zur Veränderung der Inhalte in der Rezeptionsphase ist von unterschiedlichen Aspekten abhängig:

  1. Von der Stringenz der Erzählung, also der narrativen Linie im Clip
  2. Von der moralischen Aussage und wie diese im öffentlichen Diskurs oder im Sinne gesellschaftlicher oder politischer Korrektheit verortet wird
  3. Vom öffentlichen Diskurs zu diesem Video

Diese Aspekte sollten in der inhaltlichen Planung bereits berücksichtigt werden. Gebe ich meinen Auftrag an eine Agentur ab, so kann ich mir deren Überlegungen zu diesem Aspekten immer auch einfordern und erläutern lassen.

Grundsätzlich muss ich mein Video, wie eigentlich alle unternehmerische Kommunikation, strategisch einbetten und kontinuierlich Beobachten (Analyse und Monitoring). Gerade die Kombination mit meinen Social Media Aktivitäten kann hier sehr nachhaltig wirksam werden und bietet mir die Möglickeit, selbst aktiv in den Diskurs über meinen Beitrag einzugreifen.

Mein Forschungshintergrund zum Thema

  • Untersuchung von Musikvideorezeption durch Fans, deren Interpretation und Aushandlung der Bedeutung im Video über Forenanalyse und Interviews (Kommunikationswissenschaft, Universität Erfurt)
  • Untersuchung der Taktiken, um als Zuschauer die Rezeptionsphase kurze Videoinhalte aktiv zu gestalten mittels Experiment und Befragung (Media Studies, Universität Stockholm)