Interpretation von unterhaltenden Videobeiträgen

Forschung zur Kurzfilmrezeption

Meine Studienarbeiten zum Master-Abschluss beschäftigten sich mit der Rezeption und Aneignung von Musikvideos und Videokurzbeiträgen. In Zeiten in denen 71% aller Internetnutzer in Deutschland Online-Videos nutzen (Zahlen Stand 2014, Quelle: statista.com) ist es jedoch erstaunlich wie wenig darüber bekannt ist wie der Zuschauer mit den Inhalten eines solchen Beitrages eigentlich umgeht.

Wer eine hohe emotionale Wirkungen erzielen und gleichzeitig eine möglichst große Zielgruppe ansprechen möchte produziert nicht nur Reportagen und Screencasts mit klaren Zielen und Botschaften. Vielmehr wird er seinen Kunden und/oder Fans Videos mit einer weit angelegten narrativen Struktur und mehreren Interpretationsebenen anbieten. Doch gerade hier ist der Zuschauer nicht willenloser Rezipient einer Botschaft sondern aktiver Bestandteil eines Kommunikationsprozesses.

Für die Interpretation solcher Videobeiträge wurden die tatsächliche Struktur der Videoinhalte mit der von Zuschauern wahrgenommenen Abfolge und der „Story des Videobeitrages“ verglichen. Daraus ergaben sich 5 Strategien, derer sich die Rezipienten bedienen können um unterhaltenden Videobeiträgen „Sinn“ zu geben. 

  1. Die Interpretation stimmt mit der tatsächlichen Videochronologie überein. Dies geschieht vor allem dann, wenn die narrative Struktur des Videos besonders stark ausgeprägt ist oder wenn die öffentliche Diskussion zu und über dieses Video die gewünschte Interpretation besonders unterstützt.
  2. Das Video wird in großen Bereichen so übernommen, wie der Videoinhalt es vorsieht. Allerdings werden Bereiche so ausgeblendet, dass die Interpretation des Videos den eigenen Überzeugungen, Erwartungen und moralischem Grundeinstellungen entspricht. Ist die eigentlich gewünschte Botschaft nicht stark genug oder nicht „politisch korrekt“ läuft der Beitrag Gefahr über diese Strategie umgedeutet zu werden.
  3. Hat das Video eine überraschende Wendung am Ende oder ein kontroverses Ende überhaupt dann kann es vorkommen, dass der Zuschauer das Ende einfach unterschlägt und sich nur auf den ersten Teil des Beitrages konzentriert. Hier können ebenfalls Umdeutungen des Beitrages vorkommen.
  4. Bei der Interpretation von besonders fragmentarisch aufgebauten Videos mit wenig oder keiner narrativen Grundlinie kann es vorkommen, dass die Reihenfolge der Szenen bei der Interpretation aktiv umgestellt wird.
  5. Der Videoinhalt selbst wird überhaupt nicht beachtet. Dies geschieht bei besonders kontroversen Videos mit einer starken Resonanz in anderen Medien und der Öffentlichkeit. Die im öffentlichen Diskurs vertretende Interpretation wird einfach übernommen und dem Video weiter keine Beachtung geschenkt.

Während Videobeiträge insbesondere im Social Media und Onlinemarketing eine immer größere Bedeutung erlangen erscheint es wichtig sich des Potentials bewusst zu sein, mit welchem Zuschauer auf die Interpretation des Inhaltes Einfluss nehmen können und die intendierte Botschaft verändern können. Andernfalls können Missverständnisse und im Extremfall sogar negative Wirkungen des Beitrages nicht ausgeschlossen werden.

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